Datum
11.05.2026
Wie verändert künstliche Intelligenz Diagnostik und Therapie konkret? Welches disruptive Potenzial steckt wirklich in den aktuellen KI-Entwicklungen? Wie lässt sich der Spagat zwischen medizinischem Fortschritt und Datenschutz bewältigen und wie können Open-Source-Lösungen dazu beitragen?
Am Kundenevent der Bedag standen genau diese Fragen im Zentrum. Gemeinsam mit Expert:innen aus Medizin und Wissenschaft wurden aktuelle Entwicklungen rund um künstliche Intelligenz, Präzisionsmedizin und Digitalisierung beleuchtet. Die rund 200 Teilnehmenden erhielten am 7. Mai 2026 im Zentrum Paul Klee fundierte Einblicke in neue Technologien, deren konkrete Anwendung im Gesundheitswesen sowie die damit verbundenen Herausforderungen und Chancen.
Prof. Marcel Salathé, Co-Direktor des EPFL AI Center, gab als Keynote Speaker einen inspirierenden Überblick zum aktuellen Stand der künstlichen Intelligenz und ordnete die rasanten Entwicklungen ein. Mit besonderem Fokus auf das Gesundheitswesen zeigte er das transformative und disruptive Potenzial der KI auf.
Wie Präzisionsmedizin, Digitalisierung und künstliche Intelligenz Diagnostik und Therapie neu definieren – und wie dabei das Spannungsfeld zwischen medizinischem Fortschritt und Datenschutz verantwortungsvoll gestaltet werden kann, erläuterten die zwei praxisnahen Referenten der Insel Gruppe AG: Pascal Schär, Direktor Technologie und Innovation, sowie Prof. Dr. med. Martin Fiedler, Ärztlicher Direktor.
Dass die Bedag mit Open Source und Digitaler Souveränität zu mehr Vertrauen und Sicherheit im Gesundheitswesen beitragen kann, zeigten Christian Studer und Michael Disteli von der Bedag auf.
Die nachfolgenden Key Findings der Referenten dürfen wir hier einem breiteren Publikum zugänglich machen:
Was 1955 bei einem Sommer-Workshop in Dartmouth als ambitionierte Idee formuliert wurde, ist in den letzten Jahren zu einer der prägendsten technologischen Entwicklungen unserer Zeit geworden. Bei zahlreichen Aufgaben sind KI-Systeme innerhalb kurzer Zeit von "das geht nicht" zu "besser als der Mensch" gewechselt. Marcel Salathé ordnete diese Entwicklung ein, erklärte die Grundlagen und zeigte, wohin die Reise geht.
Im Zentrum stehen drei Fragen. Erstens: Wie funktioniert moderne KI eigentlich? Es geht um Daten, Rechenleistung und die Milliarden von Parametern, die heutige Modelle ausmachen. Zweitens: Wo stehen wir heute, und wie positioniert sich die Schweiz gegenüber den USA, China und der EU? Eine differenzierte Standortbestimmung über Rechenkapazität, Energie, Daten, Talente und Umsetzungskraft. Drittens: Was bedeutet die agentische Revolution? Der Übergang vom reinen Chatbot zum eigenständig handelnden Agenten verändert die Art, wie wir mit Software arbeiten, und stellt etablierte Annahmen über Produktivität infrage.
Ein besonderer Fokus liegt auf dem Verhältnis von Technologie und Arbeit, spezifisch auch im Gesundheitswesen. Sechzig Jahre Prognosen über Automatisierung zeigen, warum einfache Narrative regelmässig zu kurz greifen, und warum gerade jetzt nüchterne Analyse statt schneller Schlagzeilen gefragt ist.

Marcel Salathé ist Professor an der EPFL und Co-Direktor des EPFL AI Center. Er ist Gründer des AMLD Intelligence Summit, einer der führenden KI-Konferenzen Europas, und leitet das Digital Epidemiology Lab, wo er KI-basierte Anwendungen im Gesundheitsbereich entwickelt. Während der COVID-19-Pandemie war er massgeblich an der Entwicklung des DP3T-Protokolls beteiligt, auf dem die Contact-Tracing-Technologie von Apple und Google basiert. Sein Bestseller «Kompass Künstliche Intelligenz» macht das Thema einem breiten Publikum zugänglich.
Marcel Salathé
In seiner Rede betonte Pascal Schär, dass das Gesundheitswesen durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz an einem Wendepunkt steht. Anstatt neue Technologien mit Denkmustern aus der Vergangenheit oder rein auf Basis bestehender Gesetze zu beurteilen, plädierte der Referent für eine stärker zukunftsgerichtete, ethische Auseinandersetzung.
Historische Beispiele wie Eisenbahn, Auto oder Internet zeigen, dass Innovationen oft zunächst auf Skepsis stossen, weil sie ausserhalb unserer bisherigen Erfahrungen liegen. Dieses Muster wiederholt sich heute bei der KI – obwohl ihr Potenzial im medizinischen Alltag bereits erheblich ist, etwa bei Diagnosen, Behandlungen und administrativen Prozessen.
Für die Bewertung von KI schlug der Referent die Orientierung an den vier bioethischen Prinzipien vor: Autonomie, Schadensvermeidung, Wohltun und Gerechtigkeit. Diese ermöglichen eine differenzierte Beurteilung mit Fokus auf das Patientenwohl und gehen über den bestehenden Rechtsrahmen hinaus.
Fazit: Entscheidend ist nicht die Technologie selbst, sondern wie wir gesellschaftlich mit ihr umgehen. Es braucht eine offene, ethisch fundierte Diskussion, um die Chancen von KI im Gesundheitswesen verantwortungsvoll zu nutzen.

Pascal Schär verantwortet als Direktor Technologie und Innovation der Insel Gruppe AG die technologische Infrastruktur, die Medizintechnik und die digitale Transformation und gestaltet damit die Grundlage für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung. Pascal Schär
Die Medizin befindet sich in einem fundamentalen Wandel: weg von der symptomatischen Behandlung hin zu einer präzisen Therapie von Erkrankungen und weg von einer reaktiven Reparaturmedizin hin zu einer präventiven und zunehmend prädiktiven Gesundheitsversorgung.
Im Zentrum steht dabei die Präzisionsdiagnostik. Sie ermöglicht es erstmals, die molekularen Entstehungsmechanismen von Krankheiten zu verstehen und krankhafte Veränderungen lange vor dem Auftreten klinischer Symptome zu erkennen. Damit schafft sie die Grundlage für eine präzisere Medizin, von der individuellen Risikobewertung bis zur gezielten Therapie.
Gleichzeitig führt die Integration multimodaler Gesundheitsdaten, von molekularen Profilen über klinische und bildgebende Informationen bis hin zu digitalen Gesundheitsdaten, zu einer bisher unerreichten Komplexität. Künstliche Intelligenz wird damit zum entscheidenden Instrument, um diese Daten zu analysieren, zu integrieren und in klinisch relevante Entscheidungsgrundlagen zu übersetzen.
KI ersetzt dabei nicht die ärztliche Expertise. Sie unterstützt Ärztinnen und Ärzte vor allem dort, wo die Komplexität die menschliche Informationsverarbeitung übersteigt.
Erst durch das Zusammenspiel von Präzisionsdiagnostik, Datenintegration und intelligenter Entscheidungsunterstützung entsteht eine Medizin, die Krankheiten nicht nur früher erkennt und präziser behandelt, sondern ihre Entstehung versteht und damit die Voraussetzung schafft, Gesundheit langfristig zu erhalten.
Voraussetzung dafür ist jedoch eine grundlegende organisatorische Transformation des Gesundheitssystems: die Überwindung bestehender Versorgungssilos, die Vernetzung.
Prof. Dr. Martin Fiedler ist als Ärztlicher Direktor der Insel Gruppe AG verantwortlich für die medizinisch-strategische Ausrichtung, die Qualität der Versorgung und die Weiterentwicklung der patientenzentrierten Medizin im gesamten Spitalverbund.
Martin Fiedler
Digitale Souveränität durch Open-Source-Lösungen stärkt Kontrolle, Sicherheit und Unabhängigkeit. Dabei spielt Vertrauen eine zentrale Rolle: Nur wenn Systeme transparent, nachvollziehbar und überprüfbar sind, kann langfristig Vertrauen in digitale Infrastrukturen entstehen und erhalten bleiben. Trotz vorhandener technischer und rechtlicher Grundlagen verbleiben viele Organisationen in bestehenden Abhängigkeiten. Gleichzeitig erhöht wachsender Druck durch Datenschutzanforderungen, Kosten und politische Entwicklungen den Veränderungsbedarf. Der Weg zu mehr digitaler Souveränität ist anspruchsvoll, aber notwendig und bietet Chancen für stärkere Zusammenarbeit, mehr Selbstbestimmung und ein höheres Mass an Vertrauen in digitale Systeme.
Dazu wurden konkrete Handlungsimpulse aufgezeigt, darunter das Testen von Open-Source-Lösungen, Pilotprojekte in der eigenen Organisation sowie Initiativen auf politischer Ebene.
Wie entstehen Vertrauen und Sicherheit nun im digitalen Gesundheitswesen? Am Beispiel der Berner GSI zeigte die Bedag, wie digitale Souveränität mit Open Source Software praktisch umgesetzt wird. Aus einem wachsenden Bedarf nach tagesaktuellen Daten entwickelte sich eine integrierte Datenplattform. Mit HelloDATA BE steht heute eine zentrale, transparente und sichere Informationsbasis für die gesamte Belegschaft der GSI zur Verfügung, die auch über die Direktion hinaus im Kanton Bern breit genutzt wird.

Christian Studer ist ein erfahrener ICT-Manager und seit fünf Jahren Innovationsmanager bei der Bedag. Er begeistert sich nicht nur für Technologie und Innovationssprints mit seinen Kolleg:innen, sondern ist auch für das neue strategische Handlungsfeld Digitale Souveränität & Open Source verantwortlich.
Christian Studer

Michael Disteli ist seit rund 5 Jahren für die Bedag Informatik als Produktmanager und Business-Lead Daten tätig. Er trägt die wirtschaftliche Gesamtverantwortung für das Thema HelloDATA und dessen inhaltliche Weiterentwicklung aufseiten der Bedag. Seit Jahren begleitet er verschiedenste Verwaltungsorganisationen erfolgreich dabei, aus ihren Daten strategisch nutzbares Wissen und echten Mehrwert zu schaffen.
Michael Disteli
Die Welt mit wenigen Strichen auf den Punkt gebracht
Zum Auftakt in den zweiten Teil des Tages – den Frühlingsapéro – inspirierten zwei wahre Meister der unterhaltsamen Wissensvermittlung unsere Gäste. Roman Tschäppeler und Mikael Krogerus erklärten an ihrer Kreidetafel, wie man gemeinsam Grosses erreicht. Dabei ging es um Dinge, die wir alle können sollten: Wie wir im Teambuilding mit Extremsituationen Vertrauen zu Menschen aufbauen, die wir eigentlich gar nicht mögen. Welches Feedback die beste Wirkung erzielt. Warum beim agilen Arbeiten oft nicht der Weg das Ziel ist, sondern das Ziel nur im Weg steht. Warum die beste Idee nicht zwingend die richtige ist und warum es kein gutes Zeichen ist, wenn wir für eine neue Idee Applaus erhalten.
Mit ihren pointierten Beobachtungen hielten Tschäppeler und Krogerus unserem Arbeitsalltag den Spiegel vor: Wie wir mit Innovationen Probleme lösen, die wir vorher gar nicht hatten und zu guter Letzt: Ab welchem Moment wir uns nicht länger fragen, was noch aus uns werden könnte, sondern nur noch, was wir wohl falsch gemacht haben, da wir es schliesslich nicht geworden sind.
Beim anschliessenden Apéro Riche diskutierten unsere Gäste also über die Differenz zwischen dem, was hätte sein sollen und dem was ist, über die inspirierenden Insights der Referenten, trafen «alte Bekannte» wieder und vernetzten sich mit neuen. Auch der sechste Innovationsnachmittag der Bedag wurde von den Teilnehmenden sehr positiv bewertet. Die Themen Digitale Souveränität, Innovation und KI sind und bleiben zukunftsweisend für uns alle. Darum freuen wir uns auf den nächsten Innovationsnachmittag 2027. Wann und wo genau er stattfinden wird, bleibt vorerst noch unser Geheimnis.